Unsere Arbeit - Stellungnahmen

Dieter Wellershoff

Was war, was ist.
Erinnerungen an den 2. Weltkrieg.

 
Meine Damen und Herren,

das Motto der heutigen Veranstaltung „Prüfet alles, das Gute behaltet“ fordert uns zu umfassender persönlicher und historischer Erinnerung auf. Es versteht diese Erinnerung als einen Akt der Revision und der Erneuerung vor dem Hintergrund eines Scheiterns.  In der Aufforderung, „alles“ zu prüfen, steckt ein radikaler Anspruch, der sich sowohl an Einzelne als auch an „alle“ wendet. Denn „Die Erinnerung“ ist gespalten in unzählige persönliche Erinnerungen, und so kann sich das Ganze, das zur Überprüfung ansteht, nur aus vielen einzelnen Erzählungen zusammensetzen. Der utopische Treffpunkt aller Erzählungen wäre ihre Vereinigung in gegenseitigem Verstehen. Ich möchte dazu durch die Erzählung eigener Erfahrungen einen Beitrag leisten.
In diesem Jahr ist es 60 Jahre her, daß der 2. Weltkrieg, der größte und verheerendste Krieg der Geschichte, offiziell beendet wurde. Die Kampfhandlungen wurden eingestellt, die Folgen  jedoch dauerten an. So wie die Welt jetzt aussieht - territorial, politisch, soziologisch, psychologisch und ideologisch - ist sie entscheidend von diesem Krieg geprägt.
Eigentlich sind 60 Jahre ja kein traditioneller Jubiläumsabstand wie 50 Jahre. Aber ich habe den Eindruck ist, daß der 2. Weltkrieg in den Medien in diesem Jahr eine noch größere Präsenz gefunden hat als zehn Jahre vorher. Dafür mag es viele verschiedene Gründe geben. Einer, der sich mir aufdrängt und den Eifer der Programmgestalter, vor allem des Fernsehens, erklärbar macht, ist die Tatsache, daß dies der letzte sich anbietende Jubiläumstermin ist, bei dem noch überlebende Zeitzeugen für Befragungen und Gespräche zur Verfügung stehen. Ich zum Beispiel, der ich beim Beginn des Krieges 13  und an seinem Ende 19 Jahre alt war, werde 80 Jahre in diesem Jahr. Der annähernd sechs Jahre dauernde Krieg, an dem ich noch etwa zwei Jahre als Soldat teilgenommen habe, war die Zeit meines allmählichen und natürlich noch höchst rudimentären Erwachsenwerdens. Es begann in der Zeit der deutschen Blitzkriege mit pubertären Phantasien der Teilnahme an nationaler Grandiosität und kristallisierte sich nach vielen konträren Erfahrungen und Distanzierungsschritten am Ende um eine Restgewißheit, nämlich das Bewußtsein, nur durch eine Reihe unwahrscheinlicher Zufälle am Leben geblieben zu sein.

Laut militärischer Statistik sind von meinem Jahrgang, den 1925 Geborenen, wie auch von den Jahrgängen 1924 und 1926 rund 40% gefallen. Von meiner Kompanie, die an den Abwehrkämpfen in Litauen und Ostpreußen teilnahm, waren es allerdings wesentlich mehr. Bei einem einzigen, von vorneherein aussichtslosen Angriffsunternehmen, dem Versuch, von Ostpreußen zu der in Kurland eingeschlossenen Heeresgruppe vorzustoßen, waren von den 180 Mann, mit denen unsere Kompanie daran beteiligt war, am Abend nur noch 30 Leute einsatzfähig. Alle anderen waren verwundet oder tot.
Ich zitiere diese Szene stellvertretend für viele andere Kriegsszenen, die ich in meinem Buch „Der Ernstfall“ aus nächster Nähe geschildert habe. Jetzt möchte ich erst einmal den Blick auf das Gesamtgeschehen dieses furchtbaren Krieges richten, so wie es sich in den amtlichen Verlustzahlen objektiviert hat. Weltweit starben in diesem Krieg - Militär- und Ziviltote zusammengerechnet - mindestens 62 Millionen Menschen. Dazu kommen 35 Millionen dauerhaft Kriegsbeschädigte. Die deutschen Kriegstoten - Soldaten und Zivilisten zusammengerechnet - werden mit 5,25 Millionen angegeben. Frankreich verlor 810 000 Tote. Für Großbritannien werden mit 386 000 und für  USA  318 000 Toten vergleichweise geringe Zahlen angegeben, in denen sich die materielle Überlegenheit der westlichen Alliierten und ihre die eigenen Soldaten schonende Art der Kriegsführung ausdrückt.  Ungeheuerlich erscheinen daneben die Zahlen von 27 Millionen russischen und von 4,5 bis 6 Millionen polnischen Toten. Die russischen Verlustzahlen sind zum Teil mit der gegenüber den eigenen Soldaten rücksichtslosen Art der russischen Kriegsführung zu erklären. Vor allem aber sind die russischen und die polnischen Zahlen ein Beleg für den auf deutscher Seite als Eroberungs- und Vernichtungsfeldzug geführten Krieg, besonders die extremen deutschen Vergeltungsaktionen im Kampf gegen Partisanen. Die perfektionierte Endstufe des Grauens  kulminierte im Hinterland der Front als ein industriell organisierter Völkermord. Die Zahl der in den Vernichtungslagern umgebrachten Juden schwankt zwischen  5,29 Millionen und  über 6 Millionen. Insgesamt befanden sich in der Zeit der Nazidiktatur 7,2 Millionen Menschen in den Konzentrationslagern. Nur etwa 500 000 überlebten.
 
Eine solche Aufzählung riesiger Leichenzahlen ist schon in sich barbarisch. Schließlich hat jeder Mensch nur ein Leben. Für jeden ist der gewaltsame Tod die alles auslöschende, absolute Verneinung. Wenn man sich das klarmacht, erst recht in der Überzeugung, daß der Tod nicht hintergehbar ist und die schwarze Klappe für immer fällt, dann stellt sich eine grundsätzliche Frage, die eigentlich nur die rhetorische Form eines tiefen Befremdens über eine anthropologische Konstante ist:  Wie ist es möglich,  millionenweise Menschen in den Tod zu schicken,  Soldaten, die ihren Tod als keineswegs unwahrscheinliche Möglichkeit vorausschauend akzeptieren müssen? Ich will dazu jetzt nur eine kurze Erklärung versuchen: Es ist ein Grundbedürfnis nach Zugehörigkeit und Anerkennung und, vor allem bei jungen Menschen, der Glaube an höhere gemeinschaftliche Werte, in deren Dienst man eine das Individuelle übersteigende Bedeutung gewinnen kann. „Gott mit uns“ stand auf den Koppelschlössern der deutschen Soldaten, die im Dienst einer Völkermordideologie Europa mit einem Angriffskrieg überzogen.  Nicht daß ich an göttliche Unterstützung geglaubt hätte. Aber nach allem, was ich gelesen und im Geschichtsunterricht gehört hatte, war ich davon überzeugt, daß Krieg ein normaler Ausnahmezustand im Leben der Völker sei.

Wir waren für diesen Ausnahmezustand erzogen worden durch die Lektüre zahlreicher Kriegsbücher, aber auch in der feierlichen Sprache der Poesie.  Ich weiß nicht mehr, wann ich Hölderlins Gedicht „Der Tod fürs Vaterland“ las oder rezitiert hörte. Es muß in den ersten Kriegsjahren gewesen sein, auf dem Höhepunkt des nationalen Narzißmus. Als ich das Gedicht Jahre nach dem Krieg erneut las, trat mir wieder das flache Gelände im Memelbrückenkopf vor Augen, wo im Oktober 1944 unsere Kompanie untergegangen war. Besonders erinnerte ich mich an das kalkweiße Gesicht eines Toten, den man aus einem Wassergraben zog, um ihm die Erkennungsmarke abzunehmen. Und ich war schockiert über die Bereitschaft der deutschen Dichter-Ikone, für das Phantasma eines siegreichen nationalen Krieges jede beliebige Anzahl von Toten billigend in Kauf zu nehmen.
„Lebe droben o Vaterland und zähle nicht die Toten.
Dir ist, Liebes, nicht einer zu viel gefallen.“
Ich glaube nicht, daß Hölderlin wußte, was er da geschrieben hat. Als besonders peinlich empfand ich die dritte Strophe, weil sie mich in ihrer Exaltiertheit an eine eigene Erfahrung erinnerte: Nach dem siegreichen Ende des Frankreichfeldzugs wurden mein Freund Franz Brendgen und ich als Abordnung des Gymnasiums mit einem Kranz zur Beerdigung unseres Klassenlehrers geschickt, der als Reserveoffizier in Frankreich  gefallen war. Die Beerdigung fand in seinem Heimatort unter zeremonieller Beteiligung der dortigen Garnison statt. Wir waren beide 14 Jahre alt, und das militärische Ritual - der von der Fahne umhüllte Sarg, der dumpfe Trommelwirbel, die Kommandos und der über dem Grab abgefeuerte Ehrensalut - beeindruckte uns so stark, daß Franz zu mir sagte, aber ich hätte es auch zu ihm  sagen können: „Hoffentlich dauert der Krieg so lang, daß wir auch noch Soldaten werden.“

In Hölderlins Versen entdeckte ich unsere pubertären Empfindungen wieder: diese Schicksalsbereitschaft, diesen Wunsch, teilzuhaben am Ruhm der siegreichen eigenen Armee.
„O nehmt mich, nehmt mich mit in die Reihen auf,
damit ich einst nicht sterbe gemeinen Tods!
Umsonst zu sterben, lieb ich nicht; doch
lieb ich zu fallen am Opferhügel.“
Für Franz und mich ging die pubertäre Bewährungsphantasie auf eine Weise in Erfüllung, die wir beide nur zufällig überlebten. Beide waren wir in die katastrophalen Schlachten des nach dem mißglückten Attentat auf Hitler wie in einem kollektiven Krampfzustand sich hinziehenden Kriegsendes geraten, und beide waren wir verwundet worden. Ich glücklicherweise ohne bleibenden Schaden. Franz dagegen war schwerstbeschädigt. Er war  von einem Gewehrgeschoß durch den Helm in den Kopf getroffen worden, hatte zahlreiche körperliche Ausfälle und bewegte sich mühselig an Krücken, konnte sich aber noch sprachlich verständlich machen. Ich fragte ihn, ob er in dem Moment, in dem er getroffen wurde, noch irgendetwas gedacht habe. Er antwortete: „Ich habe gedacht: Ach so ist das.“  Diese Worte sind für mich das Resumee meiner Generation geworden, die gleich nach der Kindheit in den Fackeldunst und das Fahnenmeer des Nazireiches hineinwuchs und dann im unaufhaltsam sich zur totalen deutschen Niederlage wendenden Krieg ihren blutigen Tribut zahlte als Teilhaber und mehr oder minder Mitverursacher eines ungeheuren moralischen Desasters, das sich nicht mehr abstreifen ließ.

Franz überlebte seine schwere Verletzung nur kurze Zeit. Und nur noch wenige Überlebende unserer Schulklasse fanden sich zu einer stillen Beerdigung zusammen, die in nichts der pompösen militärischen Beerdigung unseres Klassenlehrers glich, zu der wir damals entsandt worden waren. Es war eine trostlose Veranstaltung: das  stumme Wegräumen  eines von sich selbst abgebrachten, vereitelten Lebens.
Ein irritierendes Gefühl grundloser Bevorzugung überkam mich, als ich an diesem Grab stand, und ich wollte nicht zulassen, daß sich das Glück, am Leben zu sein, in mir durchsetzte. Aber es war auf die Dauer nicht aufzuhalten. Für mich ging das Leben weiter.  Ich fand bei einem Dachdecker Arbeit. An einer von Hand betriebenen Presse falzte ich acht Stunden täglich im Akkord Aluminiumbleche zu Dachpfannen. Selbst diese stupide Arbeit begeisterte mich, denn ich empfand sie als einen Beitrag zur Selbstbehauptung gegen die Zerstörungen des Krieges. Dann wurde das Gymnasium wieder eröffnet, und ich holte mein Abitur nach. Dabei entdeckte ich, daß ich mit einer ganz anderen Konzentration und Begeisterung arbeitete als in der regulären Schulzeit. Im Studium an der Universität Bonn, das ich, nach halbjähriger Trümmerarbeit im Universitätsbautrupp im Sommersemester 1947 begann, setzte sich dieser Impuls fort. Alles, wovon wir - die in der Naziwelt aufgewachsenen Jahrgänge - ausgeschlossen gewesen waren, erschloß sich uns nun: die internationale zeitgenössische Literatur, einschließlich der Klassiker der Moderne, die moderne Kunst und fundamentale Denkmuster wie die Existenzphilosophie, die Psychoanalyse, die Anthropologie, die Soziologie, sie besonders in der Form der Ideologiekritik. Und außerdem als vitale Belebung und neuer Lebensrhythmus der Jazz. Es war ein Schwellenerlebnis, wie es so überwältigend innovativ nur in einer historischen  Umbruchszeit möglich ist. Das Leben  schien von Grund auf neu erfunden zu werden.

Ich fühlte mich getragen von diesem befreienden Gefühl eines völlig neuen Anfangs und wollte mich von den nun erscheinenden atemverschlagenden Nachrichten und Dokumenten über den Massenmord in den Konzentrationslagern nicht in einen anthropologischen Nihilismus stürzen lassen. So beschwichtigte ich mich mit dem Gedanken, daß diese Geschehnisse der finsteren Vergangenheit angehörten, die nun endgültig vorbei sei. Erst allmählich fühlte ich mich fähig, mit der Last und dem moralischen Anspruch eines berühmten Satzes von William Faulkner zu leben: „Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen.“  Unlösbar damit verbunden war die bedrückende und tief irritierende Einsicht, daß ich, vielleicht nur durch die Gunst der Umstände, zwar an keinem Kriegsverbrechen teilgenommen hatte, aber ein blind funktionierender Teil des verbrecherischen Systems gewesen war, allerdings in unentrinnbaren Situationen, in denen alle ideologischen und idealistischen Begründungen und Motivationen längst zerschlissen waren und es nur noch ums Überleben ging. Ich hatte mich nicht als eine handelnde, sondern als eine fremdbestimmte, ohnmächtige Person erlebt, die in einem unüberschaubaren, unbeeinflussbaren Desaster von gigantischen Ausmaßen herumgetrieben wurde, Teil des  „Menschenmaterials“, das zur Aufrechterhaltung der Betriebstemperatur des Krieges Tag für Tag „verheizt“ wurde, wie der zynische, aber durchaus zutreffende Ausdruck damals hieß.   Das machte es nachher für mich schwierig, den Begriff einer Kollektivschuld zu akzeptieren. Doch je mehr ich las, hörte und sah – zum Beispiel nach dem Dokumentarfilm „Nacht und Nebel“, dem Auschwitzprozeß und einem Besuch in Dachau – , umso mehr zeigte sich mir das gigantische Ausmaß der Menschenvernichtungsindustrie, die bis zum Schluß, im Wettlauf mit dem sich nähernden Kriegsende, auf Hochtouren gearbeitet hatte. Und ich sah ihre vielfache Verästelung in der Gesellschaft oder der „Volksgemeinschaft“, wie es damals hieß, abgestuft in die Planer und Befehlsgeber, die ausführenden Täter und Mittäter, die Nutznießer, die schweigenden Mitwisser und die unzähligen Verdränger, die das eine und das andere gehört und gesehen hatten und sich gehütet haben, Fragen zu stellen. Dort, am äußeren Rand des Geschehens, mußte ich mich wohl auch erkennen.

Das Unbegreiflichste an dem wahnsinnigen Geschehen ist das Offensichtliche, daß es überhaupt geschehen konnte. Es kann nicht vereinnahmt und gezähmt werden durch eine Analyse seiner historischen und sozialen Ausgangsbedingungen. Diese Vergangenheit ist im  Nicht-Verstehen und Erschrecken authentischer enthalten. Sie muß selbstverständlich analysiert werden. Aber sie muß vor allem auch erzählt werden, beschworen in einem szenischen Begreifen. In Köln wird anschaulich daran erinnert durch Plaketten mit den eingravierten Namen deportierter Bürger, die vor den Eingängen ihrer Häuser in die Gehsteige eingelassen sind. Dort also hat man sie hinausgezerrt und vor den Augen stummer Nachbarn in die Lager transportiert. Daran wird man immer wieder erinnert.  Hier waren es zwei, dort zwölf oder vierzehn Menschen. Es taucht immer wieder auf.
Obwohl die Geschichte weiterging und neue Probleme entstanden, neue Bedrohungen, neue Dringlichkeiten, ist der Holocaust nicht relativiert. Er hat nur zusätzliche Horizonte bekommen. Der Kalte Krieg begann, der drohende Krieg der Kulturen, Fundamentalismus undTerrorismus folgten, und ich lernte , daß die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit nicht zur Erinnerungsrhetorik verkommen darf, sondern sich in der Auseinandersetzung mit den Problemen der Gegenwart bewähren muß. Die anthropologische Skepsis, die für mich im Nazikrieg und im Holocaust ihren unauslöschlichen Grund hat, wurde trotz der Welle von Optimismus, die mich in den ersten Jahren nach 1945 erfüllte, keineswegs aus der Welt geschafft. So unterschiedlich die Verbrechen gegen die Menschlichkeit im einzelnen motiviert sind und so unvergleichbar ihr Ausmaß ist, als fundamentale Defizite in der Wahrnehmung des Lebens sind sie alle miteinander verwandt. Historisch treten sie in verschiedenen Situationen und mit wechselnden Parolen auf, doch eigentlich immer als Heilsbotschaften, die durch generalisierte Vorstellungen, was gut und was schlecht und was das Eigene und das Fremde ist, gegen ein Feindbild gerichtete Mehrheiten aufbauen. Sie zitieren dabei eingefleischte Vorurteile und appellieren an das tiefe Bedürfnis unsicherer und frustrierter Menschen, Teil der jubelnden und gewaltbereiten  Mehrheit zu sein. Deshalb gibt es meistens eine Verzögerung des Begreifens, wenn sich neues Unheil vorbereitet.

Hitlers Staat war eine von der Mehrheit der Bevölkerung getragene „Zustimmungsdiktatur“, wie der heutige Terminus heißt. Opposition gab es bald nur noch im privaten Bereich und im Untergrund. Sie war vorsichtig geworden und wurde angesichts vieler Erfolge, wie der Revision des Vertrages von Versailles und dem durch die Aufrüstung aufgeheizten Wirtschaftsboom und vor allem durch das Völkerfest der olympischen Spiele von Berlin, von wachsender allgemeiner Zustimmung überdeckt. Das erste kritische Wort, das ich aufschnappte, verdient auch diesen Namen nicht. Es war nur eine Bemerkung, die meine Mutter nach der sogenannten „Reichskristallnacht“ am  9. November 1938  gegenüber eine Nachbarin machte.  „Die arme Frau Goldstein“, sagte sie.  Frau Goldstein war die jüdische Inhaberin eines kleinen Weißwarengeschäftes, in dem meine Mutter ihr Nähzeug kaufte. SA-Leute hatten das Schaufenster des Ladens mit einem Pflasterstein eingeworfen, angeblich weil in Paris ein Jude einen deutschen Diplomaten ermordet hatte, ein befremdlicher Zusammenhang, den ich zur Kenntnis nahm, wie Jugendliche so etwas zu tun pflegen: Ich fuhr mit meinen Fahrrad vorbei und schaute mir das demolierte Fenster an. Außerdem auch noch ein zerstörtes Schuhgeschäft, vor dem ein bedrohlich aussehender SA-Posten stand.  Doch als Tage später alles aufgeräumt war, traten andere Dinge in den Vordergrund, und ich habe es vergessen.
Später beanspruchte der Krieg meine Aufmerksamkeit so sehr, daß alle anderen Informationen marginalisiert wurden. Beiläufig hörte ich irgendwann, daß es Arbeitslager für Volksfeinde gebe. Aber waren Arbeitslager im Krieg etwas Außergewöhnliches?  Es gab niemanden, mit dem ich mich darüber austauschen konnte.  Mein  jüngerer Bruder und ich lebten mit einer kränkelnden, zunehmend depressiven Mutter zusammen, denn der Vater war seit 1938 beim Militär. Er war im ersten Weltkrieg Offizier bei der Marineartillerie gewesen, aus der nun die technisch weiter fortgeschrittene Flak entwickelt wurde, für ihn eine Gelegenheit, sich als Offizier reaktivieren zu lassen. Ich glaube, er suchte in der Armee einen Unterschlupf, der ihn vor weiterer Vereinnahmung durch die Nazis schützte, denen er anfangs, als er sein Amt als Kreisbaumeister antrat, in seiner politischen Orientierungslosigkeit zu weit entgegengekommen war. „Sie als Beamter und Reserveoffizier gehören zu uns“, hatten sie ihm gesagt, und er hatte sich überreden lassen, in die SA einzutreten, weil das die neue zeitgenössische Variante der alten Armee sei. Er hatte sich aber in der Krakeelertruppe nicht wohl gefühlt und den sogenannten „Röhmputsch“ benutzt, um wieder aus der SA auszutreten. Seine neue Orientierung drückt sich für mich in einer Bemerkung aus, die ich im zweiten Jahr des Rußlandfeldzugs aus einer Unterhaltung zwischen ihm und seinem jüngeren Bruder  aufschnappte. Der Onkel, der als gelernter Agronom eine Staatsdomäne in Oberschlesien verwaltete, befürchtete, wohl nicht ganz zu Unrecht, irgendwann im Rahmen der geplanten Ostkolonisation mit seiner Familie in die Ukraine versetzt zu werden. Jedenfalls sprachen sie über die Zukunft. „Nach dem Krieg“, hörte ich meinen Vater sagen, und er meinte offensichtlich, nach dem gewonnenen Krieg, „wird sich die Wehrmacht das Heft nicht mehr aus der Hand nehmen lassen.“  Das war schon insofern ein Irrtum, als sie das Heft gar nicht in der Hand hatte, wie bald immer deutlicher wurde. Hitler berief seine Feldmarschälle und entließ sie nach Belieben, wenn sie sich seinen  strategischen Phantasien mit sachlichen Einwänden in den Weg stellten. Hitlers Glaube, daß nicht materielle Übermacht und größere Menschenreserven den Krieg entscheiden, sondern allein der stärkere Wille zum Sieg, wurde zum deutschen Durchhaltedogma.

Es war der Kern einer zunehmenden Unwirklichkeit, die sich in allem breitmachte: in den Wehrmachtsberichten, den öffentliche Reden und in den privaten Gesprächen. Wer keinen Zugang zu konträren Informationen hatte, lebte in einer gegen irritierende Erfahrungen abgedichteten Scheinwelt. Das galt besonders für die Jugend, die sich in ihrer Begeisterungsfähigkeit von dem triumphalen Musiksignal der militärischen Sondermeldungen betäuben ließ und vorsichtshalber von den Erwachsenen aus allen problematischen Gesprächen herausgehalten wurde. Nie habe ich von meinem Vater, den ich auch nur sehr selten zu sehen bekam, eine kritische oder pessimistische Äußerung gehört.
Der Latein- und Geschichtslehrer hat allerdings indirekt versucht, uns über den Wahnsinn und die Unmenschlichkeit des Nazistaates aufzuklären. Er tat es , indem er immer wieder, weit über jeden Lehrplan hinaus, über die Grausamkeiten und mentalen Verrücktheiten der römischen Tyrannenkaiser Nero und Caligula sprach, ohne daß jemand von uns etwas anderes dabei dachte, als daß es sich um eine komische Marotte des Lehrers handelte, die sich wunderbar karikieren ließ. Erst nach dem Krieg, als ich gebeten wurde, zur Hundertjahrfeier des Gymnasiums eine Rede zu halten, fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen: Der Geschichtslehrer hatte dauernd von Hitler gesprochen! Mit einem Mal erschloß sich mir die Analogie: Die Prätorianergarde repräsentierte die SS und die Christenverbrennungen verwiesen auf die Vergasung der Juden. Der Lehrer hatte sich mit seinen beharrlichen und auffälligen Wiederholungen weit aus dem Fenster gelehnt. Doch als ich am Vorabend der Festrede einige überlebende Klassenkameraden wiedertraf, mußte ich feststellen, daß keinem von ihnen bewußt geworden war, wovon der Lehrer zu uns zu reden versucht hatte.
Um verbotene Gedanken denken zu können, braucht man ein Training in Kritik, das in einer Diktatur von vorneherein als subversiv gelten würde. Im Krieg, in dem täglich von immer mehr Menschen das Opfer von Leib und Leben verlangt wird, ist der Solidarisierungsdruck noch erheblich stärker. Insofern stimmt der Satz: „Das erste, was im Krieg stirbt, ist die Wahrheit.“ Doch auch sein Gegenteil stimmt: „Niemals drückt sich die Wahrheit massiver aus als im Krieg.“ Dagegen kann man sich auf die Dauer nicht zur Wehr setzen.

Als die Nachricht vom Einmarsch in Rußland kam, brach meine Mutter in Tränen aus und sagte: „Das ist das Ende“. Für mich war das eine Äußerung von Kleinmut, der ich mich nicht anschließen wollte. Und die großen militärischen Erfolge des Sommers und des Herbstes schienen mir recht zu geben. Aber als dann der Wintereinbruch kam und das russische Oberkommando dank eines Nichtangriffspaktes mit Japan die an der sibirischen Ostgrenze stationierten Armeen in den Kampf werfen konnte, wurden die unverständlicherweise nicht für den Winterkrieg ausgerüsteten deutschen Armeen aus ihren Stellungen nahe Moskau 400 Kilometer weit zurückgetrieben und an den Rand des Zusammenbruchs gebracht. Das veränderte das Bild des Krieges grundlegend. Der Nimbus der Unbesiegbarkeit der Wehrmacht war dahin und konnte auch durch die Erfolge des nächsten Sommers nicht wiederhergestellt werden. Jetzt kam das vielsagende Wort vom deutschen Endsieg auf, das die Hoffnung auf ein günstiges baldiges Kriegsende auf den St. Nimmerleinstag verschob.
Das nächste Desaster war dann die Katastrophe von Stalingrad. Und nun zeichnete sich ab, was mein Freund Franz bei der Beerdigung unseres Klassenlehrers so innig gewünscht hatte - daß wir auch noch Soldaten wurden. Um mir ein Bild zu machen, was mir bevorstand, hörte ich am Abend vor dem Tag, an dem ich mich stellen mußte, heimlich den Feindsender BBC-London, worauf hohe Strafen standen. Mit dem Ohr dicht an dem leise eingestellten Gerät hörte ich von einer deutschen Stimme die Nachricht, daß das ruhmreiche deutsche Afrikakorps kapituliert hatte und geschlossen in Gefangenschaft gegangen war. Als die Sendung beendet wurde mit dem Satz, daß nun der Angriff auf das Festland beginne, konnte ich mich nicht mehr des Gedankens erwehren, daß ich in einen Krieg zog, der verloren war. Und es erfaßte mich eine Vorahnung unabsehbarer Schrecken.
Es war das Frühjahr 1943. Zuerst kam ich wie üblich zum Arbeitsdienst und wurde im Katastrophengebiet des ausgelaufenen Möhnesees eingesetzt, dessen Staumauer durch einen britischen Lufttorpedo zerstört worden war. In dieser Zeit starb meine Mutter. Sie war auf der Flucht vor den Bombenangriffen mit meinem Bruder zu den Verwandten ins damals noch sichere Oberschlesien gefahren und wegen schwerer Gallenkoliken aus dem Zug heraus ins nächste  Krankenhaus gebracht worden, wo sie operiert wurde. Einer der wenigen nicht zum Militär eingezogenen alten Ärzte nahm den Eingriff vor. Sie starb drei Tage später, vielleicht an einem Kunstfehler, oder, was ich noch eher glaube, aus einem tiefen Mangel an Überlebenswillen. Für meinen Bruder hatte das die Konsequenz, daß er in ein Internat kam, in dem lauter Jungen aus durch den Krieg zerstörten Familien untergebracht waren, eine Ansammlung von halb Verwilderten, zwischen denen ein brutaler Konkurrenzkampf herrschte.

Für mich nahm alles seinen vorgesehenen Lauf. Auf Anraten meines Vaters hatte ich mich bei der Musterung im Jahr zuvor zur Division Hermann Göring gemeldet, um so den Werbern der Waffen-SS zu entgehen. Es war eine Panzergrenadier-Division, die etwa zu gleichen Teilen aus Oberschülern und aus Schülern von Forstakademien bestand. Ob sie sich wesentlich von einer SS-Division unterschied, vermag ich nicht zu sagen. Entscheidend waren wohl immer die Einsatzbefehle.
 Ich hatte das Glück, nach der Grundausbildung in Holland mit einer kleinen Auswahl des Jahrgangs zum Wach- und Begleitregiment nach Berlin versetzt zu werden. Die Zurückbleibenden kamen nach Italien, das gerade die Fronten gewechselt hatte. Dort gerieten sie in die schwierige Situation, gleichzeitig gegen die amerikanisch-britischen Invasionstruppen und gegen die zu den Alliierten übergetretenen italienischen Truppen kämpfen zu müssen, die teilweise im Hinterland der deutschen Front agierten. Wie ich nach dem Krieg erfuhr, wurden unsere aus Holland kommenden Jahrgangskameraden dabei auch zu Massenerschießungen eingesetzt. Wir dagegen wurden auf der Jungfernheide in Berlin, dem heutigen Gelände des Flughafens Tegel, Tag für Tag in Platzpatronengefechten geschult und mußten nachts Brandwachen für wichtige öffentliche Gebäude stellen, zum Beispiel für die schon einmal ausgebrannte und gerade festlich wiederhergestellte „Staatsoper Unter den Linden“, in der ich eine Aufführung von „Carmen“ mit Magarete Klose in der Titelrolle erlebte. Angeregt durch diese Eindrücke, gründeten wir in der Kompanie eine Theatergruppe, und die Staatsoper stellte uns Kostüme für die Inszenierung eines damals aktuellen Durchhaltestücks zur Verfügung, das im Siebenjährigen Krieg spielte. Wir führten es in Karinhall vor Berliner Gästen von Emmy Göring auf. Ungeduldig warteten wir auf unseren Einsatz an der Front, denn  angesichts der militärischen Lage kam uns das Fiktive unserer Existenz absurd und beschämend  vor.

Allerdings mußte die Kompanie manchmal auch Erschießungskommandos stellen. Die Opfer waren deutsche Soldaten, die wegen Fahnenflucht, Sabotage oder Zersetzung der Wehrkraft von Militärgerichten zum Tode verurteilt worden waren. Es befremdete mich, daß sich stets genügend Freiwillige für diese Kommandos meldeten. Ich konnte aber nichts Auffallendes an ihnen entdecken. Vermutlich wollten sie sich mit der Wirklichkeit des Krieges vertraut machen, in der scharf geschossen und getötet wurde. Wenn sie zurückkamen, erzählten sie meistens, daß sich der Exekutierte „gut gehalten“ habe. Er hatte offenbar in ihren Augen seine Rolle normgerecht erfüllt und es ihnen dadurch ermöglicht, sich selbst formgerecht zu verhalten. Dafür waren sie ihm dankbar. Ein schreiender, flehender, fluchender, sich mit aller Gewalt sträubender Verurteilter hätte es ihnen viel schwerer gemacht. Militärische Disziplin war auch immer Abwehr von überwältigenden Emotionen.
Als die Kompanie im Juli 44 an die Front verlegt wurde und an der ostpreußisch-litauischen Grenze einen frisch ausgehobenen Laufgraben besetzte, sahen wir zwei Tage später den Grund unserer plötzlichen Alarmierung: zurückflutende Reste der zerschlagenen Heeresgruppe Mitte, Erschöpfte, Waffenlose und Verwundete mit blutigen Verbänden, die zwei, drei Stunden lang, zum Teil humpelnd und aufeinander gestützt, in kleinen Trupps an uns vorbeizogen und uns zuriefen „Kommt mit, Jungens! Es hat keinen Zweck mehr. Der Krieg ist verloren!“  Manche riefen auch „Kriegsverlängerer!“ Das war ein Ruf, den ich aus Berichten über die Revolution von 1918 kannte, von der Hitler gesagt hatte, niemals werde sich dieser Vorgang wiederholen. Daran waren angesichts dieses gespenstischen Rückzugs offensichtlich Zweifel angebracht, auch wenn wir noch keinen Begriff vom Ausmaß des militärischen Debakels hatten, das noch viel größer als die Niederlage von Stalingrad war.

Die riesigen Verluste an Toten, Verwundeten und Vermißten konnten nicht mehr ausgeglichen werden, so daß die eigenen Stellungen nur noch dünn besetzt waren. Eine Waldstellung, in der wir einige Wochen lagen, bestand nur aus einzelnen Stützpunkten, die untereinander keine Verbindung hatten. Nur akustisch bekamen wir eines Nachts mit, wie unser Nachbarstützpunkt von einem russischen Kommando ausgehoben wurde. In einer der nächsten Nächte waren wir an der Reihe, aber es gelang uns, den Angriff abzuwehren. In einer anderen Stellung, die auch unzulänglich ausgebaut war, hatten wir viele Verluste durch russische Scharfschützen. Uns war befohlen worden, nur zu schießen, wenn wir direkt angegriffen wurden. Der Grund war katastrophaler Munitionsmangel, denn riesige Munitionsvorräte waren in Frankreich durch die Invasion verloren gegangen. Das sprach sich aber nur als Gerücht herum. So auch die Mitteilung, daß die bisher in Italien eingesetzten Teile unserer Division auf dem Weg zu uns seien, um die ostpreußische Front zu verstärken. Sie kamen aber nicht. Dann hörten wir, daß sie nach Warschau umgelenkt worden seien, um mitzuhelfen, einen dort ausgebrochenen Aufstand niederzuschlagen. Auch darüber hörten wir nichts mehr.
Nichts zeigt mir heute unsere nahezu völlige Isoliertheit so deutlich wie die Tatsache, daß das wochenlange Warschauer Massaker uns nur als ein flüchtiges, vages Gerede erreichte. Die Welt, die wir überschauten, hatte einen Durchmesser von vielleicht 300 Metern. Und auch die innere Welt schrumpfte. Weil es keine Perspektiven mehr gab und vielleicht auch kein richtiges Vertrauen untereinander, wurden die Gespräche immer stumpfsinniger. Sie kreisten in der Hauptsache um Eß- und Sexphantasien, manchmal auch um sentimentale Erinnerungen. Über die Gesamtlage hörten wir nichts. Stattdessen den Lautsprecher eines russischen Flugzeugs, das mit gedrosseltem Motor im Tiefflug die deutschen Linien abflog, uns zum Überlaufen aufforderte und Passierscheine abwarf. Darauf ließ sich allerdings niemand ein, denn wir hielten es langfristig gesehen für ein sicheres Todeslos. Einer allerdings, der das tägliche Leben und Sterben nicht mehr aushielt, schoß sich ins Bein, um ins Lazarett zu kommen. Er schoß durch eine Brotscheibe, um den  Pulverschmauch von der Wunde fernzuhalten. Die Selbstverstümmelung – so hieß das Vergehen damals – wurde trotzdem sofort erkannt. Er wurde der Militärpolizei übergeben. Wir hörten nichts mehr von ihm. Er hatte wohl keine Chancen, den Krieg zu überleben. Aber hatten wir welche?

Als ich verwundet wurde – bei einem Angriffsunternehmen, etwa 150 Meter vor der russischen Stellung – und in der Angst, erneut getroffen zu werden, aus der Feuerzone kroch und hinter einem Strohschober liegen blieb, hoffte ich – jetzt in der Angst vor einem russischen Gegenangriff  - auf den Zusammenhalt der eigenen Truppe, ohne deren Hilfe ich verloren war. Aber als ich zwei Tage später in einem Lazarettzug lag, der in oft unterbrochener Fahrt durch Ostpreußen und Polen nach Oberschlesien fuhr, wo ich Tage später operiert wurde, gelang es mir nicht mehr, an das Schicksal meiner Kameraden zu denken. Es war, als wären sie alle im Dunkel verschwunden, während ich hinter den schwarzgestrichenen Scheiben des Waggons mich an einem Niemandsort fühlte und eine unbestimmte Hoffnung auf ein weiteres Leben in mir festhielt.
Den letzten Kriegswinter verbrachte ich im Lazarett. Anfang April kam ich an die Oderfront und erlebte in der Massenflucht nach Westen die chaotischen Szenen des Zusammenbruchs mit: Flüchtlingstrecks aus Ostpreußen und dem Warthegau, vermischt mit aufgelösten Truppenteilen, einzeln Fliehende auf Fahrrädern, kleine Gruppen mit Handkarren,  eine Frau ohne alles Gepäck auf einem galoppierenden Pferd, auf einer Waldstraße plötzlich eine kleine geordnete Militärkolonne – Soldaten mit Stahlhelmen und Maschinenpistolen, die „Straße frei für das OKW!“ riefen, und im Fond eines großen Wagens Keitel und Jodl, Hitlers militärische Paladine wie erstarrte Gespenster. Keiner der auf der Straßenböschung rastenden Soldaten, zu denen auch ich gehörte, reagierte darauf, daß dort die beiden höchsten militärischen Repräsentanten vorbeifuhren. Beide schauten starr geradeaus, als wollten sie nicht wahrnehmen, was um sie herum geschah.
Die Auflösung des Nazireiches vollzog sich mit der Unaufhaltsamkeit einer Naturgewalt, die jeden auf sich selbst reduzierte. Doch der Eindruck amerikanischer und englischer Beobachter, daß das sogenannte „Tausendjährige Reich“  binnen weniger  Tage wie ein Spuk zerfallen sei, ist nicht ganz richtig. Die Anarchie der letzten Wochen war nur das sichtbare Ende eines schon viel länger andauernden Prozesses der inneren Distanzierung. Er war unter dem Eindruck der sich häufenden militärischen Niederlagen allmählich in Gang gekommen und hatte sich wegen der drohenden Höchststrafen für defaitistische Äußerungen im wesentlichen stillschweigend und unter Beibehaltung der militärischen Disziplin als eine  fortschreitende Vereinzelung vollzogen, bis schließlich alle Dämme brachen, weil jeder nur noch an seine Rettung dachte. Aber selbst in dieser Situation war es ratsam, sich einer Gruppe anzuschließen, deren Anführer einen Marschbefehl in Richtung Westen in der Tasche hatte. Sonst nämlich lief man Gefahr, von der Feldgendarmerie als Deserteur an einem Straßenbaum erhängt zu werden.
Östlich von Schwerin erwarteten uns die amerikanischen Soldaten und eine Gruppe von Menschen in gestreifter Häftlingskleidung, die uns stumm wie über einen Graben hinweg anstarrten: Überlebende aus den Konzentrationslagern.
 
Heute denke ich, daß die Radikalität des Zusammenbruchs das zukunftsfähigste Ende des Krieges war. Hätte das Attentat vom 20. Juli 1944 Erfolg gehabt und den Krieg vorzeitig beendet, hätten Millionen von Menschen nicht mehr sterben müssen. Städten wie Dresden, Würzburg, Magdeburg, Halberstadt, Potsdam und vielen anderen wären die vernichtenden Bombardierungen erspart geblieben. Und auch wenn man unterstellt, daß die Abtrennung der deutschen Ostgebiete selbst in der heutigen Dimension unvermeidbar gewesen wäre – die  Aussiedlung der ostdeutschen Bevölkerung wäre vermutlich humaner vor sich gegangen als ihre Vertreibung.
Andererseits hätte man bei einem Gelingen des Attentats befürchten müssen, daß sich als eine erhebliche Belastung für den Neuanfang und bleibender Störfaktor für die gesellschaftliche Integration eine Dolchstoßlegende gebildet hätte. Die Überzeugungskraft des deutschen  Neuanfangs ging davon aus, daß es keine andere Wahl gab. Was dann bald möglich wurde an neuer Lebensqualität, war viel mehr, als die meisten Menschen nach dem Zusammenbruch erwartet hatten.  Das machte die Deutschen zu zufriedenen Bundesbürgern. Daraus hat sich allerdings mit der Zeit die Vorstellung entwickelt, man habe einen selbstverständlichen Anspruch darauf, daß alles bleibt, wie es ist, und dabei ständig weiter aufwärts geht. Diese lIlusion, die sich heute im Immobilismus privater und gruppenegoistischer  Besitzstandwahrung allen notwendigen Veränderungen widersetzt, ist vermutlich auch noch eine Folge des Krieges und der Verlustängste, die er im kollektiven Unterbewußtsein hinterlassen hat.
Wenn man aber im Lichte des heutigen Veranstaltungsmottos „Prüfet alles, das Gute behaltet“ fragt, wo denn in der Vergangenheit gute Erfahrungen zu finden sind, an die man sich in den aktuellen Schwierigkeiten erinnern könnte, dann antworte ich, entsprechend meiner persönlichen Lebensgeschichte: Ich empfinde es als ein bleibendes existentielles Privileg, den  totalen Zusammenbruch eines Machtstaates und eines kollektiven Wahns hautnah, in unvergeßlichen Szenen erlebt zu haben. Das wurde für mich noch einmal gespiegelt, als ich durch Zufall das Glück hatte, 1989 an den Massendemonstrationen in der Leipziger Innenstadt teilzunehmen, die das Ende der DDR bedeuteten. Es gilt aber vor allem für die ersten Jahre nach dem Krieg, als man, im Gegensatz zu den Jahren zuvor, nichts Wesentliches mehr zu verlieren, aber alles zu gewinnen hatte. Das war eine motivierende, befreiende Ausgangssituation, in der man selbstverständlich bereit war, sich allen Gegebenheiten zu stellen und zu versuchen, damit zurechtzukommen.

Ich will die Situation nicht verklären. Aber man sollte in sich Raum schaffen für den Gedanken, daß es im Zeitalter der Globalisierung, der kulturellen und religiösen Gegensätze, der wachsenden Weltbevölkerung und der fortschreitenden Umweltzerstörung keine langfristigen Garantien für die Erhaltung des status quo gibt. Die Welt ist in einer unabsehbaren Veränderung begriffen und zugleich in ihren Krisenzonen in unlösbar erscheinenden Konflikten erstarrt. Ohne Verzichte und Verluste und ohne ein tiefgreifend neues Denken in allen Positionen wird es nicht gelingen, die weltweiten Widersprüche zu lösen und neue gemeinsame Chancen und Interessen für die verschiedenen Völker und Kulturen kenntlich und glaubhaft zu machen. Da der Begriff „Das Gute“ im Motto der heutigen Veranstaltung historisch, kulturell und politisch-ideologisch höchst unterschiedlich definiert worden ist, schlage ich einen relativen Begriff vor, der sich kritisch am Gegebenen orientiert und davon absetzt: „Prüfet alles und sucht das Bessere.“
Dazu sollte man auch einen Maßstab angeben, einen mit prospektiv universeller Geltung auf unserem enger werdenden Planeten.  Ich schlage vor, daß wir uns an eine Formulierung Immanuel Kants halten: „Handle nur nach derjenigen Maxime, von der du wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Das ist der berühmte Kategorische Imperativ aus Kants  „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“. Das Individuelle und das Ganze, das Eigene und das Fremde sind hier in eins gedacht. So schwer es uns fallen mag und so weit wir auch im Weltmaßstab davon entfernt sind:  Es ist das, was wir für unser Überleben brauchen.
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Jugendliche in Auschwitz Stolpersteine

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